Bernhard Knorr - "Aus meiner Vita - Züchtung"

Schon als Knabe von etwa 6 Jahren stand es für mich fest:“Ich werde Gärtner“. Die Umstände ließen diesen Beruf in einem besonderen effektvollem Licht erscheinen. Der Hunger war nach dem Kriege immer an meiner Seite und Gärtner konnten neben anderen Berufen Abhilfe schaffen. Außerdem war man immer von Natur umgeben. Das musste toll sein.

Die erste Kreuzung führte ich aber schon mit 5 Jahren aus. Die Lieblingstante hatte einen „Primeltopp“ (Primula obconica wie ich heute weiß) neben anderen „Kostbarkeiten“ auf der Fensterbank stehen. Auf die Frage, wie man daraus mehr machen könnte. Sagte sie:“Du musst die Blüte bestäuben wie es die Bienen tun und begann mir sofort zu erklären wie ich das bewerkstelligen konnte. Vor dem Fenster stand auf der Wiese ein Himmelschlüssel (Primula elatior) das ich damals besonders liebte mit meinen Kinderaugen. Es hätte viel Pollen, meinte die Tante, und sie zeigte mir wie ich mit meinen tapsigen Händen und ihrer Hilfe, mit einem Malepinsel den pollen auf die Narbe übertragen konnte. So gelang es, eine Reihe dieser neuen Primelhybride und deren Kinder und Kindeskinder über viele Jahr zu erhalten. Die Tante bezog dann, als die Not nicht mehr so groß war, eine eigene Wohnung. Das aschfarbene Primel, wie es der Rest der Familie nannte, verschwand aus meinem Blickfeld.

Es gab immer mal wieder spontane Kreuzungsversuche und auch einige wenige Ergebnisse. Eine Zierapfel- (Malus x purpurea Eleyi)/Felsenmispel ( Cotoneaster lucidus)-Hybride existierte einige Jahre als Fruchtstrauch der eine gute Marmelade ergab. Ich weiß nicht ob der nachfolgende Gartenpächter diesen Schatz und seinen Werte erkannt hat und ob Sie noch heute existiert.

Die erste Rhododendron-Kreuzung vollzog ich im Jahre 1965 spontan als Junggärtner in der Mittagspause, ohne je auf ein Ergebnis zu hoffen oder es zu erwarten. Immer kam es zu solchen Kreuzungsversuchen spontan dann, wenn es zwei Komponenten durch die entsprechende Blühsituation zufällig ermöglichten diese Prozedur auszuführen. Die Muttersorte der ersten Rhododendron- Kreuzung war Maximum Album' und der Vater die allbekannte Azaleensorte `Coccinea Speciosum. Das Ergebnis war, wie (aus heutiger Sicht) zu erwarten, sehr gemischt. Von den etwa 400 lebensfähigen Sämlingen habe ich 19 Klone ausgelesen, die ich weiter beobachten wollte. Der letzte Sämling der eine Sorte werden sollte, weil er recht gesundes Laub trug – kränkelndes anfälliges Laub zeichneten diese Kreuzung-Hybriden aus, und machte sie zur weiteren Gärtnerischen Nutzung unbrauchbar – dieser Sämling erfror im schneelosen Polarwinter 1985/86 bei 36,75° C nachts, unmittelbar über der Bodenoberfläche und Ostwind Stärke 6.


Die Baumschulgärtnerlehre erfolgte in einem Staatsbetrieb ( VEG-Volkseigenes Gut) der als Nachfolger der enteigneten, weit über das Territorium bekannten Baumschule Paul Hauber. Diese Baumschule hatte einen guten Namen und demzufolge einen exzellenten Mitarbeiterstamm vor allem in der mittleren Leitungsebene. Dieser Mitarbeiterstamm, der in dem neu konstituierten Staatsbetrieb mit einem Parteikonformen Kopf versehen wurde, konnte den Ruf waren und ausbauen. Das war ein seltener Glückumstand der eine exzellente Fachausbildung sichern konnte. Nach der Baumschulgärtnerlehre folgte die Junggärtnerzeit im Botanischen Garten der technischen Hochschule (Heute Technische Universität - TU-Dresden). Hier erwarb ich ein gewisses wissenschaftliches fundiertes Grundwissen - Nomenklatur, Phytogeographie und Klima-Floren-Gebiete, Ausnahmekulturen, also die Hohe Schule dieser Sektion gärtnerisch-botanischen Wissens.

Die Grundlagen für ein Vollblut-Baumschulerleben waren gelegt. Eine Lebensmaxime nämlich „Man lernt nie aus“ hatte neben dem Allgemeinwissen vor allem einen wichtigen Fachbezug, der für mich in Zukunft noch einen besonderen individuelle Bezug erhalten sollte.

Nach der Rückkehr in den Lehrbetrieb übernahm ich bald die Leitung einer Brigade für Gehölzvermehrung mit einer beachtlichen Kapazität von 800000 Gehölzstecklinge, bis 400000 Sämlinge von so genannten besseren Gehölzen, bis 4000 Hand- und Topfballenveredlungen und 350000 Koniferenstecklinge, die meist unter Glas oder Folie gesteckt wurden. Ein Fachschulstudium wurde mir verweigert, als ich gewisse Zugeständnisse an das Regime verweigerte. Nun musste ich mich fachlich als Autodidakt weiterhin mit dem erforderlichen fachlichen Spezialwissen befassen und es praxisnah-modifiziert erarbeiten. Mir ist es gelungen immer besser zu sein, immer mehr zu wissen und gewisse spezielle Fertigkeiten allein zu beherrschen und so eben besser zu sein als mancher Gartenbauingenier mit teurer Ausbildung. Allerdings fehl mir fortan stets ein gewisses oft gefordertes „Papierchen“. Ich verlor meine Leiterstelle und man gab mir 1 Gewächshaus, in dem ich zusammen mit meiner Frau Karin in der Zukunft alljährlich eine genau festgelegte Menge gewisser Spezialkulturen auszuführen hatte. Die Dienststellung nannte sich "Spezialist für Sondergehölze". Dazu gehörten meine geliebten Rhododendron. Züchtungsarbeit gehörte natürlich nicht dazu. Sie wurde mir ausdrücklich untersagt. Dafür gab es spezielle Zuchtleiter die bis auf Ausnahmen nicht das glücklichste Händchen und den richtigen Riecher hatten. Nur weil ich eine Menge von Rhododendron auch aus Samen anzuziehen hatte konnte ich meine Züchtungsarbeit leicht kaschieren. Natürlich war man dann bereit, wenn sich Erfolge einstellten, diese auf die eigenen Fahnen zu schreiben und betreffs des Verbotes beide Augen zuzudrücken.. Ich möchte mich über diese bedrückende Situation nicht weiter auslassen. Unsere aufrichtige politische Haltung und die damit einhergehenden Handlungen verursachten uns nun Angst, die uns nach gewissen Drohungen bis zur Wende an jedem folgenden Tag begleiten sollte. Details möchte ich dazu nicht preisgeben, es ist ja Vergangenheit. Nichts hat uns ab sofort davon abhalten können, unsere befohlene und eben auch verbotenen Arbeitsgänge zu erledigen.
In den 80er Jahren entstanden eine größere Anzahl der verschiedensten Ziergehölzzüchtungen und -auslesen die zum größten Teil noch der Markteinführung harren. Der weitaus größte Teil sind Rhododendron. Die Zuchtleitung des VEG hatte festgelegt daß nur Rhododendronsorten die sich leicht durch Stecklinge vermehren ließen beim Sortenamt der DDR angemeldet würden. So kamen die ersten 6 Sorten in die Neuheitenprüfung. Dann kam die politische gewaltfreie Wende an der ich aktiv teilnahm. Die Baumschule wurde von einem großen süddeutschen Gartencenterunternehmen übernommen. Das größte Gehölsortiment, das eine Baumschule in Europa anbietet (Johann Wieting November 1989) ging den Bach hinunter, denn das neue Unternehmen hatte kein oder zumindest nur ein geringes Interesse daran, ein Umstand den ich ebenfalls nicht weiter kommentieren mag. Das hatte für mich den Vorteil, daß ich die Züchtungsergebnisse meiner langjährigen Arbeit als unser eigenes Eigentum retten konnte. Ich habe versucht, nachfolgend ein kleine Baumschule auf dem Eigentumsland der Familie meiner Frau Karin ins Leben zu rufen. Nach dem Aufschulen gab es einige Jahre des Erfolges, bis im Frühjahr 2003 (nicht im August 2002) ein Hochwasser des Flüsschens Pulsnitz alles zunichte machte. Wir haben gerettet was zu retten war. Im Dezember 1996 verlor ich wegen Umstrukturierungen der Gartencenterfirma meine Arbeit. 4 Jahre Arbeitslosigkeit folgten. Anfangs gab es ja noch ausreichend eigene Arbeit die die allerdings noch nichts abwarf. Im Jahre 2001 bekam ich eine leider befristete Arbeit im Sächsischen Landesarboretum dem Forstbotanischen Garten hier in Tharandt wo wir heute wohnen.Hier sollte ich für den neuen Forstpark der die nordamerikanische Flora präsentiert die Jungpflanzen anziehen.Das waren die schönste 2 Jahre meines Berufslebens. Hier konnte ich in einem sehr schöpferischen angenehmen Kollektiv eine sehr angenehme Arbeit erledigen . Mein Wissen und meine Fertigkeiten wurden bisher nie in so positiver Form geschätzt. Außerdem konnte ich mein dendrologisches Wissen einbringen und viele Rhododendron die aus Samen angezogen, als Arten gepflanzt, sich nun nach meiner gründlichen Prüfung als hybridogen erwiesen. So stehen in diesem Botanischen Garten (gegründet 1811) heute eine Reihe bisher noch fast unbekannter, spontan entstandener, neuer Rhododendron-Sorten, die der Einführung in den Markt harren. Es gibt aus meiner langjährigen Züchtungsarbeit immer noch Klone die noch nicht geblüht haben. Das große Erwarten ist also noch nicht beendet.


Bernhard Knorr, Forststadt Tharandt bei Dresden, am 09.Mai (Freitag vor Pfingsten)2008, Im Ruhestand